Le Corbusier und die farbige Moderne

Le Corbusier vor dem Paravent in der Halle des Immeuble Molitor. Bemalte, mit Beton hintergossene Welleternitplatten, ausgeführt als Prototyp einer Brise-soleil-Konstruktion, Foto:  © Willy Rizzo, 1959
Le Corbusier vor dem Paravent in der Halle des Immeuble Molitor. Bemalte, mit Beton hintergossene Welleternitplatten, ausgeführt als Prototyp einer Brise-soleil-Konstruktion, Foto: © Willy Rizzo, 1959

 

Parallel zum Siegeszug der vermeintlich ‚weissen‘ Moderne setzten Gestalterinnen und Architekten ab 1920 vermehrt Farbe ein. Sei es, um das Gebäude im Inneren zu zonieren, um Materialwirkungen zu evozieren oder aber, um Grosssiedlungen ‚menschengerecht‘ zu gestalten. Zu diesen Gestaltern gehörte auch Le Corbusier. Derzeit ist ihm eine Ausstellung im Pavillon Le Corbusier gewidmet, noch zu sehen bis zum 28. November diesen Jahres.

Le Corbusier (1887–1965) machte die Farbe zum integralen Bestandteil seiner architektonischen Konzeption und entwickelte darauf abgestimmte Farbklaviaturen. ‚Die Farbe ist in der Architektur ein ebenso kräftiges Mittel wie der Grundriss und der Schnitt‘: Dass seine Position nichts an Aktualität eingebüsst hat, zeigt die aktuelle Ausstellung im Museum für Gestaltung in Zürich anhand von rund 100 Fotografien, Originalen und Plänen Le Corbusiers. Drei grossformatige Installationen bieten darüber hinaus ein sinnliches Farberlebnis.

Le Corbusier, Loggien der Unité d’habitation in Marseille, Foto, © Arthur Rüegg
Le Corbusier, Loggien der Unité d’habitation in Marseille, Foto, © Arthur Rüegg

‚Ganz in weiss wäre das Haus ein Sahnetopf‘, schrieb Le Corbusier 1926, mitten in seiner «puristischen» Phase, in welcher er auch eine erste Farbenskala entwickelte. Durch gezielten Farbeinsatz liess er einzelne Wandscheiben hervortreten oder zurückweichen. Oder er strich bewusst alle Oberflächen eines Raums mit der gleichen Farbe, um ihn als Bestandteil eines traditionellen Wohnbereichs zu identifizieren. Le Corbusier bewegte sich dabei ständig zwischen den Polen der Auflösung und der Schliessung des Raumes und setzte diese in eine dialektische Beziehung.

 

Zürcher Vortrag

In seinem legendären Zürcher Vortrag im Jahr 1938 legte Le Corbusier das theoretische Fundament seiner ‚puristischen‘ Polychromie offen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Farbe in seinem Werk eine neue Bedeutung zu. Sie diente fortan der Flächengliederung und wurde im weitesten Sinne zu einem Ornament. Der Architekt setzte nun kräftigere Töne im Zusammenspiel mit naturbelassenen Materialien wie Beton, Backstein oder Holz ein. Er erarbeitete eine zweite Farbklaviatur und kooperierte erneut eng mit dem Basler Tapetenhersteller Salubra, der eine standardisierte Qualität seines ‚Ölfarbenanstrichs in Rollen‘ garantierte. Mit der Lichtfarbe – mit farbigem Glas wie in der Kapelle von Ronchamp (1955) oder projiziertem Farblicht wie im Philips-Pavillon an der Weltausstellung in Brüssel (1958) – erweiterte Le Corbusier die Möglichkeiten der Farbgestaltung nochmals entscheidend.

Le Corbusier, Wallfahrtskapelle Notre-Dame-du-Haut, Ronchamp FR, 1950–1955, Glasmalerei «Marie», © Foto: Christian Brän
Le Corbusier, Wallfahrtskapelle Notre-Dame-du-Haut, Ronchamp FR, 1950–1955, Glasmalerei «Marie», © Foto: Christian Brän

En Detail

Der Zürcher Pavillon Le Corbusier markiert den Endpunkt seiner lebenslangen Beschäftigung mit der Farbe in der Architektur: Hier umspielen knallbunte Emailpaneele das Äussere, während im Inneren die Eigenfarbe des naturbelassenen Eichenholzes dominiert. Im Untergeschoss des Pavillon Le Corbusier werden die verschiedenen Stationen der Farbgestaltung in Le Corbusiers Oeuvre nachgezeichnet: Von den ersten Versuchen in La Chaux-de-Fonds über die berühmten Wohnhäuser der 1920er-Jahre führt die Ausstellung zu späteren Grossbauten wie der Unité d’habitation in Marseille und zeigt den Entstehungsprozess der als Werkzeug gedachten Farbklaviaturen und ornamentalen Wanddessins. Im hohen Atelierraum des Erdgeschosses wird Le Corbusiers einziges Fabrikgebäude gewürdigt: Die Manufacture Claude et Duval in Saint-Diédes-Vosges und das mit einer ikonischen Wandgestaltung und Prouvé-Möbeln ausgestattete Direktionszimmer. Das Obergeschoss des Pavillons gehört den Pigmenten, die als Farbkörper Basis jedes Farbanstrichs bilden: Eine Installation und die erstmals ausgestellte Pigmentensammlung des Bauhauslehrers Johannes Itten lassen das Publikum in die Magie der Farbe eintauchen.

(Quelle: Pressemitteilung des Museum für Gestaltung Zürich)

Le Corbusier, Skizzen zum «Paravent à poussettes» (Kinderwagen-Paravent) in der Halle  des Immeuble Molitor, 1950, © Fondation Le Corbusier, Paris
Le Corbusier, Skizzen zum «Paravent à poussettes» (Kinderwagen-Paravent) in der Halle des Immeuble Molitor, 1950, © Fondation Le Corbusier, Paris

Info

'Le Corbusier und die Farbe' im Museum für Gestaltung Zürich

Laufzeit: 7. Mai – 28. November 2021

Ort: Pavillon Le Corbusier, Höschgasse 8, 8008 Zürich

Führungen für Medien: Individuelle Termine auf Anfrage

Kuratorium: Christian Brändle, Direktor Museum für Gestaltung Zürich und Arthur Rüegg, Architekt und Prof. em. ETH Zürich

Szenografie: Silvio Schmed, Architekt, und Christian Brändle

https://museum-gestaltung.ch/de/ausstellung/le-corbusier-und-die-farbe/